{"id":299,"date":"2018-08-24T14:09:05","date_gmt":"2018-08-24T12:09:05","guid":{"rendered":"https:\/\/fairloetet.de\/?p=299"},"modified":"2018-12-08T14:18:07","modified_gmt":"2018-12-08T13:18:07","slug":"den-chancen-zuwenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fairloetet.de\/en\/den-chancen-zuwenden\/","title":{"rendered":"Den Chancen zuwenden"},"content":{"rendered":"<section class=\"l-section wpb_row height_medium\"><div class=\"l-section-h i-cf\"><div class=\"g-cols vc_row via_grid cols_2-1 laptops-cols_inherit tablets-cols_inherit mobiles-cols_1 valign_top type_default stacking_default\"><div class=\"wpb_column vc_column_container\"><div class=\"vc_column-inner\"><div class=\"wpb_text_column\"><div class=\"wpb_wrapper\"><p>Ende April hatten wir unsere j\u00e4hrliche FairL\u00f6tet-Strategietagung, bei der wir R\u00fcckblick hielten und die Schwerpunkte unserer Arbeit justierten. Eine Diskussion, die eher nebenbei lief, ich dann aber als sehr konstruktiv empfand, entstand aufgrund der berechtigten Frage: Was empfinden wir als &#8222;fair&#8220;? Wir reden viel \u00fcber Fairness, aber was meinen wir \u00fcberhaupt damit? Hier schreibe ich, was mir von der Diskussion im Kopf geblieben ist und was ich mir hinzugedacht habe.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h5>Drei Wege zur Fairness<\/h5>\n<p>Der \u00fcbliche Weg Fairness zu definieren ist es, einen Standard festzulegen und zu sagen: Fair ist es, wenn er eingehalten wird, ansonsten ist es unfair. Das typische Beispiel sind die ILO-Kernarbeitsnormen, deren Anforderungen gering sind (von L\u00f6hnen ist dort z.B. nicht die Rede), die damit aber politisch realistisch und deshalb oft als Minimum verstanden werden. In Ausschreibungen \u00f6ffentlicher Beschaffung werden sie oft gefordert nach dem Motto: diese Fairness wollen wir mindestens haben! Und wenn sie nicht eingehalten wird, kaufen wir auch nicht. Eine der ILO-Kernarbeitsnormen ist die Versammlungsfreiheit. Sie ist in China praktisch nicht gegeben, da es nur staatliche Gewerkschaften gibt. Die Elektronikindustrie hat sich von China aber komplett abh\u00e4ngig gemacht. Also gibt es nach dieser Definition keine faire Elektronik. Punkt. Wenn man trotzdem Elektronik kaufen will kauft man dann halt irgendetwas, ist eh alles nicht fair.<\/p>\n<p>Ein zweiter Weg ist es, unter dem gegebenen Angebot das Fairste auszusuchen. Das ist der Weg, den Nager-IT geht: Die Lieferkette der Maus ist bestens dokumentiert, und man kann genau beobachten wie \u00fcber die Zeit Bauteil f\u00fcr Bauteil versucht wurde, eine m\u00f6glichst faire Bezugsquelle zu finden. &#8222;Fair&#8220; ist hier definiert <a href=\"https:\/\/www.nager-it.de\/maus\/umsetzung\/details\">nach graduellen Kriterien<\/a>, die an die ILO-Kernarbeitsnormen angelehnt sind. Das Motto ist: Wir kaufen das Fairste was wir bekommen k\u00f6nnen und vermeiden damit das Unfairere. Man kann es den <em>less bad<\/em>-Ansatz nennen, eine Wortsch\u00f6pfung die ich im Rahmen der <a href=\"https:\/\/www.oeko.de\/uploads\/oeko\/aktuelles\/Jahrestagung_2016\/jt2016_ws2_schueler.pdf\">2016er-Jahrestagung des \u00d6ko-Instituts<\/a> kennengelernt habe und <a href=\"http:\/\/www.stradeproject.eu\/fileadmin\/user_upload\/pdf\/STRADE_PB_07_OEI_Nov.2016.pdf\">im STRADE-Projekt Eingang fand<\/a>. Das f\u00fchrt letztlich dazu, dass in der Maus bevorzugt Hersteller aus der EU vertreten sind. Ein Beziehen aus China verbleibt als &#8222;geht leider nicht besser&#8220; in der <a href=\"https:\/\/www.nager-it.de\/static\/pdf\/lieferkette.pdf\">Lieferkette<\/a> und wird rot markiert. Das f\u00fchrt allerdings auch zu einer Art Embargo-Effekt, da dadurch sich noch entwickelnde L\u00e4nder systematisch ausgeschlossen werden, wenn es was faireres gibt aus schon entwickelten L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Der dritte Weg dagegen folgt einem <em>more good<\/em>-Ansatz. Man kauft gezielt dort wo es eher unfair ist und versucht durch geeignete Ma\u00dfnahmen die Lage dort (und sei es nur ein klein wenig) zu verbessern, also fairer zu machen als es vorher war bzw. ansonsten w\u00e4re. Das ist der Weg, den Fairphone geht: Sie beziehen absichtlich aus China (<a href=\"http:\/\/blog.faire-computer.de\/faire-arbeitsbedingungen-gibt-es-in-china-nicht\/\">wof\u00fcr sie auch kritisiert wurden<\/a>), installierten dort aber den <a href=\"https:\/\/www.fairphone.com\/de\/2014\/07\/28\/worker-welfare-fund-electing-worker-representatives\/\">Worker Welfare Fund<\/a>, der nach einem Beteiligungs- und Wahlprozess jeder Arbeiter*in letztlich einen zus\u00e4tzlichen Lohn erm\u00f6glichte. Das Motto ist: Wir gehen dahin wo es weh tut und initiieren Entwicklung zu mehr Fairness. Versammlungsfreiheit und kollektive Tariffindung besteht bei dem chinesischen Lieferanten aber ebenfalls nicht grunds\u00e4tzlich, genauso wie z.B. der Bezug von konfliktfreiem Zinn aus dem Ostkongo die Diskriminierung von Frauen und Kinderarbeit nicht verhindern kann, also mit Fug und Recht als unfair bezeichnet werden kann. Aber immerhin &#8222;konfliktfrei&#8220;, also frei von extralegaler Finanzierung der B\u00fcrgerkriegsparteien dort.<\/p>\n<h5>Unser Leitmotiv<\/h5>\n<p>Zur\u00fcck zu unserer Diskussion w\u00e4hrend der Strategietagung. Nach Identifizierung der verschiedenen Wege zur Fairness kamen wir zu dem Ergebnis, dass wir in erster Linie ein <em>more good<\/em> anstreben und unterst\u00fctzen wollen in unserer Arbeit. Uns liegt Entwicklungszusammenarbeit und Wohlstandstransfer am Herzen. Aber <em>more good<\/em> ist sehr schwierig und aufw\u00e4ndig. Es gibt nur wenige Projekte, die diesen Weg gehen, und selbst aktiv werden ist f\u00fcr die meisten keine Option.<\/p>\n<p>Wenn man kein <em>more good<\/em> schafft, sollte man <em>less bad<\/em> anstreben, sich aber bewusst sein, dass dies eine deutlich indirektere Wirkung hat. Man sollte sich in diesem Fall klar gemacht haben: Mit welcher Begr\u00fcndung wird das Vermeiden des Unfairen die Welt verbessern?<\/p>\n<p>Und was bleibt, wenn man keine Chance sieht, etwas Faires zu bewegen oder \u00fcberhaupt nur Faireres zu beschaffen? Wo auch ein <em>less bad<\/em> schwierig wird, erg\u00e4nze ich hier pers\u00f6nlich f\u00fcr mich, ist <em>none at all<\/em> angesagt: Wiederverwendung, Recycling, Reduktion, Suffizienz. Manche m\u00f6gen das aus guten Umweltgr\u00fcnden ganz an den Anfang stellen. Aus Sozialerw\u00e4gungen ist es das meines Erachtens aber nicht. Unser Angebot mit dem L\u00f6tdraht HS10Fair auf Sekund\u00e4rzinnbasis ist ein solches <em>none at all<\/em>-Angebot, immerhin, nicht selbstverst\u00e4ndlich, aber mehr auch nicht.<\/p>\n<h5>Das Starren auf den Fu\u00dfabdruck<\/h5>\n<p>Es ist schade, dass in der \u00f6ffentlichen Diskussion meist ein <em>less bad<\/em>-Motiv vorherrscht, die Betrachtung des &#8222;Fu\u00dfabdrucks&#8220; den man als Produkthersteller oder als K\u00e4ufer des Produkts hinterl\u00e4sst: Steckt Kinderarbeit in meinem Handy? Gibt es zu viele \u00dcberstunden? Verdienen die Arbeiter nur einen Hungerlohn? Wenn man keine Kinderarbeit m\u00f6chte, kauft man also besser dort, wo Kinderarbeit abgeschafft ist? Ich zweifele. Klar: Niemand m\u00f6chte Kinderarbeit. Kinderarbeit ist aber ein Symptom. Die Ursache f\u00fcr Kinderarbeit, die Armut der Eltern, behebt es nicht, wenn man Kinderarbeit einfach meidet und vor der Armut flieht. Im Zweifelsfall verst\u00e4rkt es noch die Armut.<\/p>\n<p>Studien zu Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen beim Rohstoffabbau in diesen und jenen Gebieten sind meistens auf die gleiche Weise aufgebaut:<\/p>\n<ul>\n<li>die Situation vor Ort wird geschildert mit Aufz\u00e4hlung der beobachteten menschenrechtlichen Belastungen und Arbeitsrechtverletzungen<\/li>\n<li>an die Verpflichtungen der Akteure wird erinnert und aufgezeigt, dass die Unternehmen und die Politik dieser Sorgfalt nicht nachkommen<\/li>\n<li>Forderungen werden gestellt, um die Belastungen und Verletzungen abzustellen und den Verpflichtungen nachzukommen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Bedeutung dieser evidenzbasierten, investigativ aufdeckenden Berichte ist kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzen, es geht den Autoren aber meist nur darum, negative Auswirkungen des Agierens abzustellen&#8230;<\/p>\n<h5>Den Handabdruck erkunden<\/h5>\n<p>&#8230; ohne Reflexion dar\u00fcber, warum die Arbeiter*innen den Job trotzdem machen. Sie machen ihn, um voranzukommen im Leben, f\u00fcr ein besseres Leben. Ich will nicht den Missbrauch und die Ausbeutung von Arbeiter*innen guthei\u00dfen, es ist aber halt abzuw\u00e4gen mit den Chancen, die in der Arbeit bestehen. Und die werden leider selten thematisiert.<\/p>\n<p>Die klassische Fairness-Denke ist Risiko-orientiert. Wenn aber alle Risiken beseitigt sind, wird es keine Chancen mehr geben.<\/p>\n<p>Diese Chancen sind zudem in sich entwickelnden L\u00e4ndern gr\u00f6\u00dfer. Die unten dargestellte Preston-Kurve zeigt den Zusammenhang zwischen Bruttoinlandsprodukt (nach rechts) und Lebenserwartung (nach oben). Sicher muss man aufpassen und darf nicht Korrelationen und Kausalit\u00e4t vermischen und sicher ist weder das Bruttosozialprodukt ein guter Indikator f\u00fcr wirtschaftliche Aktivit\u00e4t noch die Lebenserwartung f\u00fcr ein gutes Leben.<\/p>\n<figure style=\"width: 446px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Preston_curve\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/f\/fd\/PrestonCurve2005.JPG\" alt=\"Preston Curve\" width=\"446\" height=\"306\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Preston Curve (aus: Wikipedia)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Kurve best\u00e4tigt mich aber in unserer Einsch\u00e4tzung: Mehr <em>more good<\/em> und weniger <em>less bad<\/em> t\u00e4te der Fairnessszene gut. Die langj\u00e4hrige Praxis mit einer vermeindlichen Signalwirkung, die von einem <em>less bad<\/em>-schen &#8222;Ich kaufe nicht bei Euch wenn da Kinderarbeit drin steckt&#8220; ausgeht, f\u00fchrt meines Erachtens nicht zum gro\u00dfen Erfolg. Es gilt etwas zu ver\u00e4ndern, nicht nur zu vermeiden.<\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><div class=\"wpb_column vc_column_container\"><div class=\"vc_column-inner\"><\/div><\/div><\/div><\/div><\/section>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende April hatten wir unsere j\u00e4hrliche FairL\u00f6tet-Strategietagung, bei der wir R\u00fcckblick hielten und die Schwerpunkte unserer Arbeit justierten. Eine Diskussion, die eher nebenbei lief, ich dann aber als sehr konstruktiv empfand, entstand aufgrund der berechtigten Frage: Was empfinden wir als &#8222;fair&#8220;? Wir reden viel \u00fcber Fairness, aber was meinen wir \u00fcberhaupt damit? 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